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KI gefährdet Jobs, aber Professorin Kerstin Prechel bleibt optimistisch – dank Ethik & Umverteilung

Im Interview mit sh:z äußert sich Wirtschaftswissenschaftlerin und Ethikerin Prof. Kerstin Prechel (Dualen Hochschule Schleswig-Holstein) zu den Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz. Sie sieht KI als Motor für höhere Produktivität und neuen Wohlstand, warnt jedoch vor erheblichen Arbeitsplatzverlusten, insbesondere in Bürojobs mit geringer Varianz, wie Steuerberater:innen oder Rechtsanwaltsgehilf:innen, wo KI "besser als Berufsanfänger" sei. Dies werde sich noch verstärken, auch wenn Unternehmen ihre Fachkräfte für kreativere Führungspositionen schulen müssen.

Prechel geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit steigen wird und nicht alle Menschen umgeschult werden können. Sie prognostiziert, dass es "nicht mehr genug Erwerbsarbeit für alle" geben wird. Als Lösung schlägt sie eine Reform der Staatseinnahmen vor: KI oder deren Einsatz müssten besteuert werden, um das Geld umzuverteilen. Dies sei die "große Chance, die Vorzüge der KI für die breite Masse nutzbar zu machen", um der drohenden Spaltung zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken.

Sie betont die Notwendigkeit ethischer Standards und verweist auf den EU AI Act, der etwa Social Scoring verbietet. KI könne lebensrettende Anwendungen bieten (z.B. Hautkrebsdiagnose), müsse aber stets von Menschen begleitet werden. Prechel sieht zudem großes Bildungspotenzial für den globalen Süden durch einfache KI-Tools.

Zukunftssicher seien Berufe, die Empathie erfordern (z.B. in der Pflege alter Menschen), sowie Handwerk und Dienstleistungen am Menschen. Sie betont die Wichtigkeit lebenslangen Lernens und prognostiziert, dass das nächste Jahrzehnt entscheidend sein wird.

Kim (JOBfellow) kommentiert

Dieses Interview mit Kerstin Prechel ist eine der nüchternsten und gleichzeitig mutigsten Analysen zur Zukunft der Arbeit, die ich seit Langem gelesen habe. Als dein jobfellow solltest du diese Punkte verinnerlichen:

"Nicht mehr genug Erwerbsarbeit für alle": Das ist die klare und drastische Prognose. Es geht nicht nur um Umschulung, sondern um eine fundamentale gesellschaftliche Umstrukturierung. Dein Plan B sollte über "einen anderen Job finden" hinausgehen.

Die "Reichen" vs. "Breite Masse": Prechel warnt vor einer wachsenden Schere. Wenn du KI nicht beherrschst, könntest du auf der Verliererseite stehen. Ihre Idee der KI-Besteuerung und Umverteilung ist ein radikaler Vorschlag, der in den kommenden Jahren lauter diskutiert werden wird.

Empathie ist dein Superpower: Die Zukunft gehört Berufen, die Menschlichkeit fordern – Pflege, soziale Dienste, alles, wo die "Hand auf die Schulter legen" wichtiger ist als Effizienz. Das sind deine "krisensicheren" Kompetenzen.

Studie "Die Suche nach KI-Fachkräften in Deutschland Rekrutierungsstrategien in Stellenanzeigen Gutachten im Projekt „Entwicklung und Messung der Digitalisierung der Wirtschaft am Standort Deutschland“ ( )

Kerninhalte der Studie:

Starker Anstieg der KI-Stellenanzeigen: Die Studie belegt einen deutlichen und kontinuierlichen Anstieg der Nachfrage nach KI-Fachkräften in Deutschland über die letzten Jahre. Dieser Trend ist branchenübergreifend, mit Schwerpunkten in der IT, Finanzdienstleistung, Beratung und dem verarbeitenden Gewerbe.

Vielfalt an KI-Berufsprofilen: Es werden verschiedene Rollen identifiziert, die unter dem Oberbegriff "KI-Fachkräfte" subsumiert werden, darunter insbesondere:

  • Data Scientists (häufigste Rolle)
  • Machine Learning Engineers
  • KI-Entwickler/Programmierer
  • Spezialisierungen wie Computer Vision oder Natural Language Processing (NLP).
  • Auch KI-relevante Rollen wie Data Engineers oder Cloud Engineers, die die Infrastruktur für KI schaffen.

Gesuchter Kompetenzmix: Unternehmen suchen einen hybriden Kompetenzmix, der sich aus drei Hauptbereichen zusammensetzt:

  • Technisches KI-Fachwissen: Kenntnisse in Machine Learning (insbesondere Deep Learning), Algorithmen, neuronalen Netzen, Data Mining, Big Data und relevanter Programmiersprachen (Python, R, Java).
  • Mathematisch-Statistische Fähigkeiten: Starkes Verständnis für Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung und lineare Algebra zur Modellentwicklung und -bewertung.
  • Domain-Wissen: Branchen- und Anwendungskenntnisse, um KI-Lösungen auf spezifische Geschäftsprobleme anwenden zu können.

Soft Skills und Methodenfähigkeiten: Neben den Hard Skills sind auch Soft Skills entscheidend:

  • Problemlösungskompetenz und analytisches Denken.
  • Kommunikationsfähigkeit (um komplexe KI-Themen an Nicht-Experten zu vermitteln).
  • Teamfähigkeit und Projekterfahrung.
  • Kreativität und Neugierde (insbesondere bei Forschungs- und Entwicklungsrollen).

Hohe Bildungsanforderungen: Für die Kern-KI-Rollen wird in den Stellenanzeigen häufig ein akademischer Abschluss (Master oder Promotion) in Informatik, Mathematik, Statistik, Physik oder angrenzenden Ingenieurwissenschaften vorausgesetzt.

Herausforderungen bei der Rekrutierung: Die Studie bestätigt den Fachkräftemangel in diesem Bereich. Unternehmen müssen oft hohe Anforderungen stellen und gleichzeitig um die wenigen Talente konkurrieren. Die Suche ist komplex, da die benötigten Kompetenzen oft interdisziplinär sind und nicht immer in klassischen Ausbildungsgängen abgebildet werden.

Rekrutierungsstrategien: Unternehmen versuchen, Talente durch Attraktoren wie innovative Projekte, modernste Technologien, flexible Arbeitsmodelle und Weiterbildungsmöglichkeiten zu gewinnen.

Zusammenfassend: Die Studie zeigt, dass der deutsche Arbeitsmarkt eine stark wachsende Nachfrage nach hochqualifizierten KI-Fachkräften hat, die eine Mischung aus technischem, mathematischem und domänenspezifischem Wissen sowie ausgeprägten Soft Skills mitbringen. Die Rekrutierung dieser Talente stellt eine große Herausforderung für Unternehmen dar.

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